
EULAR 2009 - Teil 1
Neue Erkenntnisse zu Entstehung und Verlauf von entzündlichem Rheuma
Vom 10. bis zum 13. Juni hat in Kopenhagen die Jahrestagung der europäischen Vereinigung von Rheumatologen und Patientenorganisationen (European League against Rheumatism, EULAR) stattgefunden. Kurzfassungen interessanter Beiträge stellen wir Ihnen hier vor.
Schützen Schwangerschaft und Stillzeit vor entzündlichem Rheuma?
Frauen, die noch keine Kinder geboren haben, erkranken durchschnittlich 5,2 Jahre früher an rheumatoider Arthritis (das ist die häufigste Form von entzündlichem Rheuma) als Frauen mit einem oder mehreren Kindern.
Das ergab eine aktuelle norwegische Studie, bei der die medizinischen Befunde von 557 Frauen nachträglich mit denen des norwegischen Geburtsregisters abgeglichen und erneut ausgewertet wurden. Alle „Teilnehmerinnen“ waren vor dem Erreichen des 46. Lebensjahres an rheumatoider Arthritis erkrankt - die „Kinderlosen“ durchschnittlich mit 26 Jahren, die andere Gruppe durchschnittlich mit 31,2 Jahren.
Auch wenn die genaue Bedeutung dieses Befundes derzeit noch nicht abschließend geklärt ist, weisen sowohl die aktuelle wie auch frühere Studien darauf hin, dass Schwangerschaft und Stillzeit offenbar einen gewissen Schutz vor der Erkrankung an rheumatoider Arthritis bieten.
Parodontitis kann Auftreten und Verlauf der rheumatoiden Arthritis beeinflussen
Bei der Parodontitis handelt es sich um eine entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates. Sie ist eine der Hauptursachen für Zahnverlust im Erwachsenenalter. Sind die Zähne und das Zahnfleisch krank, kann sich dies auf den gesamten Menschen auswirken. Neueren Erkenntnissen zufolge ist Parodontitis nicht nur mit einem erhöhten Risiko für bestimmte Herzkreislauferkrankungen verbunden, sondern scheint auch das Auftreten und den Verlauf von rheumatoider Arthritis (RA) und weiteren Erkrankungen wie z.B. Diabetes mellitus (Blutzuckererkrankung) zu beeinflussen. Zwei auf dem EULAR-Kongress vorgestellte Studien bestätigten dies im Fall der RA nun erneut:
Ein Team rumänischer Wissenschaftler wies bei den von ihnen untersuchten RA-Patienten in mehr als der Hälfte der Fälle gleichzeitig eine Parodontitis nach. Bei den von beiden Erkrankungen betroffenen Patienten verlief die RA in der Regel deutlich aktiver. Wurden diese Patienten intensiv mit Antirheumatika behandelt, besserte sich bei vier von fünf der Betroffenen sowohl das Rheuma wie auch der zahnmedizinische Befund.
Gleichzeitig ergab die nachträgliche Auswertung einer Datenbank in der knapp 6700 amerikanische Blutspender erfasst waren, durch ein zweites Forscherteam weitere Hinweise für eine mögliche wechselseitige Beeinflussung von RA und Parodontitis. Demzufolge erhöht eine mittelgradig bis schwer verlaufende Parodontitis das Risiko für eine Neuerkrankung an RA bei Nichtrauchern deutlich. Bei Patienten, die bereits an einer RA erkrankt waren, ließ sich zudem ein Zusammenhang zwischen Antikörperproduktion und Parodontitis nachweisen.
Störung der inneren Uhr kann Arthritis verschlechtern
Der Schlaf ist ein hohes Gut. Patienten mit entzündlichem Rheuma ist dieser Umstand oft schmerzlich bekannt. Eine aktuelle Untersuchung aus Japan berichtet davon, dass die Qualität des nächtlichen Schlafs bei etwas mehr als 60 Prozent aller Patienten mit rheumatoider Arthritis messbar beeinträchtigt ist. Je aktiver die Erkrankung, umso deutlicher war der Schlaf gestört. Das klingt nicht sonderlich überraschend. Das Neue an dieser Studie ist jedoch die Erkenntnis, dass diese Beziehung eine wechselseitige ist.
Bei zusätzlichen Laborversuchen haben die beteiligten Wissenschaftler nämlich auch einen neuen biochemischen Signalweg entdeckt. Das darf man sich wie eine weitverzweigte Straße mit Ampeln und einer Menge Verkehr vorstellen. Ein Regulator-Gen mit der knappen Bezeichnung CRY spielt dabei eine wichtige Rolle. Es entscheidet, welche Gene an- oder abgeschaltet und damit auch, welche Eiweiße, die der Körper benötigt, hergestellt werden oder nicht. Eines dieser Eiweiße ist der körpereigene Botenstoff TNF-alpha. Seine Aufgaben im menschlichen Körper sind durchaus vielseitig. Neben der Steuerung der inneren Uhr dient er auch als Signalsubstanz für Zellen des Abwehrsystems. Diese Vorgänge sind bei Arthritis aber offenbar gestört. Das CRY-Regulator-Gen aktiviert dann eines der für die innere Uhr verantwortlichen Gene stärker als sonst üblich. Im Vergleich mit Gesunden wird daraufhin etwa doppelt so viel TNF-alpha gebildet wie sonst üblich. Da TNF-alpha bei entzündlichen Gelenkerkrankungen für einen guten Teil der Entzündungsvorgänge im Gelenkbereich verantwortlich ist, sind Störungen der inneren Uhr und Arthritis daher enger miteinander verbunden, als bislang bekannt war.






